Warst du am Sonntag in der Kirche?

Diese Frage wurde in der Geschichte oft als Kontrollfrage gestellt, und die Kinder oder Jugendlichen haben sich gar nicht gewagt, „Nein“ zu sagen. Unsere Beziehung zu Gott wurde unter Kontrolle gestellt. Er, der Gott, der uns zur Freiheit seiner Kinder beruft, wurde dann doch zensiert, als wenn unsere Beziehung zu Gott nur durch das äußere Erscheinen in der Kirche zum Ausdruck gebracht werden könnte. Wir verwenden die ähnlich klingende Frage: Gehen viele Leute bei euch in die Kirche, um festzustellen, ob die Gegend, die Pfarre, die Gemeinde noch gläubig ist. Rein organisatorisch müssen wir zweimal im Jahr die Menschen in der Kirche zählen und die Ergebnisse an das Ordinariat melden.

 

Mich irritiert diese Art, wie wir feststellen, ob jemand katholisch ist oder nicht. Ist der gelebte Glaube nicht etwas mehr als der Kirchengang? Sind die Menschen, die nicht (so oft) in die Kirche gehen, nicht genug katholisch oder gläubig? Haben wir das Recht, ihnen die Gläubigkeit abzusprechen? Ist das Evangelium nicht eine Lebensweise? Leider zeigen uns die soziologischen Forschungen, dass gerade die Länder in Europa, in denen die Menschen noch relativ viel in die Kirche gehen, ziemlich hohe Kriminalität, Korruption usw. haben und dass gerade die fundamentalistisch Gläubigen eher rechtsradikal wählen und Politiker unterstützen, die die christlichen Werte mit Füßen treten.

 

In der Bibel gibt es keine Stelle, die uns sagen würde, dass wir in die Kirche gehen müssen. Jesus hat nur einmal die Menschen aus dem Tempel ausgetrieben. Gott braucht nicht unseren Kirchgang. Wenn ich in die Kirche gehe, dann deswegen, weil ich es brauche, weil ich die Liebe Gottes ungestört erleben möchte, weil ich für all das Schöne und in meinem Leben Erlebte Gott Danke sagen möchte, weil ich mein Leben mit allen seinen Höhen und Tiefen Gott anvertrauen möchte. Für mich ist auch wichtig, dass ich in der Kirche eine Gemeinschaft, der mit mir an den Gott der Liebe glaubenden Menschen erlebe. Nicht Gott wäre ohne meinen Kirchenbesuch ärmer, sondern mein Leben würde seinen Tiefgang verlieren und dadurch sehr instabil werden.

 

In den Gottesdiensten möchte Gott mit mir und mit uns als Gemeinschaft in Kontakt treten. Es ist etwas Persönliches. Deswegen ist es wichtig, dass wir in der Kirche nicht als die Versorgten sitzen, sondern selbst die Beziehung mit Gott pflegen. In der Beziehung kann sich niemand durch einen Priester vertreten lassen. Wir selbst gestalten unsere Beziehung zu Gott. Es ist daher sinnvoll, wenn wir selbst die Gottesdienste mitgestalten, wenn wir alle die Gottesdienste aktiv feiern, wenn wir in ihnen Gott und die Gemeinschaft erleben.

Gabriel

Pfarrer