Dein Reich komme
Jesus hat viel vom Reich Gottes gesprochen. Es war eines seiner zentralen Themen. Im Laufe der Geschichte gab es Zeiten, in denen man das Reich Gottes erst nach dem Tod verortet hat. Du sollst dich in diesem Leben anstrengen und dein Leben so führen, dass du dir später das Reich Gottes oder den Himmel verdienst. Das christliche Leben wurde unter den Druck der Leistung gestellt. Der Mensch musste im christlichen Leben etwas leisten, damit er sich den Himmel verdient. Die frohe Botschaft des Evangeliums wurde zum Leistungssport, zur Leistungsbotschaft umgewandelt. Dieses Denken wurde zu manchen Zeiten zur Machterhaltung missbraucht. Du musst auf deinen Herrn — ob Bischof oder Fürst — hören, bescheiden leben und nicht protestieren, denn die Belohnung kommt erst nach dem redlichen Leben, nach dem Tod.
Ich denke, dieses Denken entspricht nicht ganz der Botschaft Jesu. Wir beten auch nicht: „Damit wir in dein Reich kommen“, sondern: „Dein Reich komme.“ Der Sinn des christlichen Lebens beruht nicht auf der Bemühung, in den Himmel zu kommen, sondern darauf, dass das Himmelreich zu uns komme, dass das Reich Gottes jetzt, dort, wo wir leben, sichtbar und spürbar wird und dass die Menschen den Himmel bereits jetzt erleben. Damit entwickelt sich auch das soziale Denken, denn wenn wir wollen, dass der Himmel unter uns spürbar wird, dann möchten wir uns für Frieden, Gerechtigkeit und die Wertschätzung aller Menschen einsetzen. Wir dürfen überall, wo wir unser Leben gestalten, die Kultur der Menschenfreundlichkeit, der Hoffnung und des Vertrauens ausstrahlen.
Das Himmelreich nach dem Tod, das endgültige Sein in der Gegenwart Gottes, ist nicht unsere Leistung. Das liegt nicht in unserer Kompetenz, sondern im Bereich Gottes. Wir sind verantwortlich für das Reich Gottes jetzt, hier unter uns, bis zur endgültigen Vollendung bei Gott.
Pfarrer